Rede von Andreas Koch bei der SPD-Feier zum 80. Geburtstag von Landtagsvizepräsident a. D. Wolfgang Drexler am 31. März 2026 beim CVJM Esslingen
Lieber Wolfgang Drexler,
80 Jahre alt bist du nun also. Gut, dass wir diesen besonderen Geburtstag gemeinsam feiern können! Beinahe hätte uns ja dein Herz einen Strich durch die Rechnung gemacht. Aber auch sonst kriegt uns nichts unter, nicht einmal eine desaströse Landtagswahl. Die SPD lebt, wie der Abend heute zeigt. Mehr noch: Wir sind und bleiben, was wir schon immer waren, nämlich stolze Esslinger Sozialdemokraten. Und das hat, lieber Wolfgang, viel mit dir zu tun.
Um es gleich am Anfang zu sagen: Esslingen braucht auch in Zukunft weise alte Männer – weise alte Männer wie dich. Wir müssen das „weis“ nur richtig schreiben – mit einem einfachen „s“ statt mit „sz“. Dann wird aus der Hautfarbe weiß die Eigenschaft klug, und gegen kluge alte Männer wie dich – und mich – kann doch niemand etwas haben.
Wo sehe ich dich, Wolfgang, in Zukunft ganz konkret? Erstens da, wo Bürgernähe und Beteiligung auf die Tagesordnung müssen. Zweitens dort, wo gegenüber Feinden der Demokratie nur klare Kante zählt. Und schließlich drittens überall da, wo im Kleinen wie im Großen politische Brandstifter am Werk sind. Das alles ist keine Frage des Alters, und auch ein Rollstuhl kann ein Friedensfahrzeug sein. Sei also weiter für deine Stadt da! Esslingen braucht seinen Ehrenbürger.
Apropos Ehrenbürger: Mir war es eine Ehre, mit dir zusammenarbeiten zu dürfen. Danke für die vielen Jahre der persönlichen und politischen Freundschaft! Letztere hat, meine ich, gute Früchte getragen, unter anderem mehrere erfolgreiche Wahlperioden im Gemeinderat. Zur Kandidatur überredet hast du mich bekanntlich bei einer Beerdigung. Der Wahlkämpfer Drexler war halt immer und überall zum Dienst für die Demokratie bereit.
Dabei hast du es deinen Leuten gerade im Wahlkampf nicht leicht gemacht. So musste Jürgen Zieger einmal, ausgestattet mit Besen und orangefarbener Uniform, deiner Sauberkeitsstrategie folgend am Bahnhof die Treppen fegen. Er war not amused. Ich hab unseren OB-Kandidaten damals begleitet, an Gleis 7 zufällig eine alte Liebe wiedergetroffen und sie entsetzt der Meinung sein lassen, dass ich es nicht weiter als bis zum Straßenkehrer gebracht hatte. Die Folge: Ich hab nie wieder was von dem Mädel gehört. Das war deine Schuld, Wolfgang! Dennoch bist du später auch mit meinem Segen Ehrenbürger von Esslingen geworden.
Und kommt nun heute deine Heiligsprechung? Das geht mit einem evangelischen Pfarrer nicht. Wohl aber findet sich in der Bibel Trost für unsere arg gebeutelte SPD: „So spricht der HERR: Meine Kraft ist in den Schwachen mächtig.“ (2. Korinther 12,9)
Direkt von dir, Wolfgang, stammt dagegen dieser Satz: „Vorlagen lesen? Wer Vorlagen liest, ist zu faul für Politik.“
Drei ernsthaftere Dinge, lieber Wolfgang, möchte ich an dieser Stelle auch noch ansprechen. Ich habe sie in der Zusammenarbeit mit dir als Voraussetzung für gute Politik kennengelernt.
Voraussetzung Nummer 1: Man muss die Menschen mögen. Wer mit dir vor deinem Schlaganfall in Esslingen unterwegs gewesen ist, hat deine Zugewandtheit zu denen gespürt, für die du da sein wolltest. Das aber waren nicht nur die Mitglieder der SPD, sondern auch jene, welche die Politik sonst gerne aus den Augen verliert. Für sie hat dein Herz geschlagen, für sie schlägt es immer noch, und wer dir und deiner Art, Politik zu machen, nacheifern möchte, muss wie du die Menschen mögen.
Voraussetzung Nummer 2: Man muss glaubwürdig sein. Du, Wolfgang, hast dir den Ruf eines Kümmerers erworben. Das war bloß möglich, weil du Dinge nicht nur versprochen, sondern sie auch gehalten, umgesetzt, zur Tat hast werden lassen. Dass dabei unsereins immer mit in die Pflicht genommen wurde, ist das Los all derer in der zweiten Reihe. Über meinem Schreibtisch hängt deshalb der folgende Spruch: „Mein Lohn ist, dass ich dienen darf.“
Voraussetzung Nummer 3: Für das politische Geschäft braucht es Leidenschaft. Wer die Leidenschaft nicht hat, sollte die Finger von der Politik lassen. Anders und mit Worten des französischen Schriftstellers François de La Rochefoucauld ausgedrückt: „Leidenschaft ist der einzige Redner, der immer Erfolg hat.“
Du, Wolfgang, hast Leidenschaft. Du brennst für deine Sache. Und du kannst reden – zur Not auch an den Fakten vorbei. Mir unvergessen sind deine Bustouren durch Esslingen, bei denen du im Gemüseanbaugebiet Weil mit jeder weiteren Fahrt die Durchschnittstemperatur um zusätzliche drei Grad hast steigen lassen. Und siehe da, die Leute haben’s dir geglaubt! „Leidenschaft ist der einzige Redner, der immer Erfolg hat.“
Und du hast, das sei natürlich nicht vergessen, dieser Tage auch Geburtstag. Deswegen sind wir ja heute Abend hier zusammengekommen. Wobei einem bei näherer Betrachtung zwei Dinge auffallen: Zum einen hast du mit deinen 80 Jahren alles erreicht, nur kein sprichwörtlich biblisches Alter. Dazu müsstest du 777 Jahre alt werden und Methusalem heißen. Zum andern werden besagte 80 Jahre in der Heiligen Schrift zwar erwähnt, aber sofort als wenig erstrebenswert abgestempelt: „Unser Leben währet siebzig Jahre, und wenn’s hochkommt, so sind’s achtzig Jahre, und was daran köstlich scheint, ist doch nur vergebliche Mühe.“ (Psalm 90,10f.) Klingt nach einem SPD-Politiker am Abend der Landtagswahl.
Herzliche Glück- und Segenswünsche und dass du uns noch lang erhalten bleibst – als Ehrenbürger, als Parteifreund, als Nachbar, als Bewohner des für dich so wichtigen vorpolitischen Raums, als Ehemann, Vater, Schwiegervater und Opa, als der mit dem katastrophalen Namensgedächtnis, mit der totalen Fußballignoranz, mit dem notorischen Geldbeutelproblem! Was ich mit Letzterem meine? Frag deinen Freund Ricci Kramartschik! Der hat bei den Nachsitzungen im ehemaligen „Wienerwald“ immer neben dir gesessen und dabei meist für zwei bezahlt. Weil du wieder mal deine Brieftasche vergessen hattest und deshalb nicht für dein Viertelshähnchen mit Pommes, Suppe und Tee mit Rum löhnen konntest. Dein Geldbeutel aber lag zuhause im Bärenwiesenweg und wenn er nicht gestorben ist, liegt er dort noch immer.
„Immer und überall im Dienst für die Demokratie“, so habe ich meinen Redebeitrag überschrieben. Ich hoffe, lieber Wolfgang, du findest dich in ihm zumindest in Teilen wieder. Falls nicht, war das Ganze halt – Eingeweihte ahnen, was jetzt kommt: Drexlers Gottesurteil –, war das Ganze halt „ein schwerer Fehler“: Du hättest mich nicht in die Politik holen dürfen. Martin Luther: „Pfaffen sollen beten, nicht regieren.“
„Ein schwerer Fehler!“ Gott befohlen! Amen.