Stadt der Frauen

Veröffentlicht am 06.12.2018 in Gemeinderatsfraktion

Beitrag von Christa Müller im Kulturausschuss am 05.12.2018

Dürfen bzw. können Kunst und Kultur auch scheitern? Wir sind der Meinung: Ja, sie können bzw. sie dürfen auch scheitern! Und wir sind der Meinung, dass das Kunst- und Kulturprojekt „Stadt der Frauen“ gescheitert ist – nicht in jedem Detail, aber im Großen und Ganzen. Aber vielleicht ist ja gescheiterte Kunst gute Kunst – wenn man im Kontext von Kunst überhaupt in den Kategorien gut und schlecht denken darf.

Unser Fazit liegt also diametral konträr zu Ihrer Analyse, Herr Stegmayer. Vermutlich bzw. sicher legen wir auch andere Kriterien als Gradmesser für den Erfolg eines Kulturprojektes an als Sie und Ihre Kooperationspartnerinnen vom Theater Rampe. Als reine Beobachter bewerten wir das Gesehene und Erlebte mit Distanz und damit objektiver als die Macher und unmittelbar Beteiligten.

Was ist Positives zu erwähnen? Die Vernetzung Kulturtreibender ist gelungen, auch wenn teilweise enge Vorgaben die Zusammenarbeit erschwert haben, wie wir hören. Esslinger Vereine wurden eingebunden, das Festival wurde überregional und in den sozialen Netzwerken stark beworben. Die Konzentration auf Markt- und Rathausplatz sowie die Öffnung und Belebung des Alten Rathauses kamen gut an. Sie hatten den Mut, Herr Stegmayer, ein neues und eigenes Profil des umbenannten Festivals „Stadt im Fluss“ zu entwerfen. Nicht zuletzt hatten Sie professionelle und engagierte Mitstreiterinnen zur Seite.

Was haben wir erwartet? Die Umsetzung eines mutigen und zeitgemäßen Konzepts, das Antworten auf aktuelle Fragen der Geschlechterfrage geben wollte. Wir waren neugierig auf das Festival, das bisher alle drei Jahre unsere Stadt in Bewegung gebracht hat, für das wir viel Geld bewilligt hatten und das dem guten Namen bzw. der Marke „Stadt im Fluss“ verpflichtet war. Wir hatten die Erwartung kultureller Teilhabe, also einer Kulturvermittlung, die über Kunst Verbindungen zwischen verschiedenen gesellschaftlichen Gruppen und Milieus herstellt und nicht zu deren Abgrenzung beiträgt.

Was haben wir erlebt bzw. gehört? Ein schrill-buntes Happening, das in Form und Themenauswahl eher an die frühen achtziger Jahre des letzten Jahrhunderts erinnerte, sehr starke körperliche und sexistische Komponenten sowie viel Provokantes enthielt. Das entspricht nicht unserem Verständnis von zeitgemäßem Feminismus des 21. Jahrhunderts. Leider gab es kaum eine Auseinandersetzung mit aktuellen Frauenfragen, wie z. B. zur gerechten Entlohnung von Mann und Frau oder zur gleichberechtigten gesellschaftlichen, ökonomischen und politischen Teilhabe. Wir erlebten ein Festival für ein kulturell hochstehendes junges urbanes Publikum, viele von außerhalb, aber kein Stadtfest für die Durchschnittsbevölkerung von Esslingen. Selbst Künstler (passive, nicht aktive) meldeten uns zurück, dass ihre Erwartungen nicht erfüllt wurden.  

Ebenso wie unser Resümée keinen Anspruch auf absolute Richtigkeit erheben kann, kann Ihre Analyse, Herr Stegmayer, dies tun. Diese Selbstkritik vermissen wir jedoch beim Lesen der Vorlage. Nach unserem Erleben, nach Gesprächen mit Besuchern und nach den bei uns angekommenen Rückmeldungen, die sich auch in einigen Leserbriefen niederschlagen, erkennen wir eine wahrnehmbare Diskrepanz zwischen der Eigen- und Fremdwahrnehmung in Bezug auf die Publikumsresonanz.

Mit Fug und Recht kann man die Frage stellen, welcher Gradmesser für den Erfolg eines künstlerischen Projektes überhaupt geeignet ist. Sind es die Presseresonanz, die Werbungsreichweite und Statements von Beteiligten? Oder sind es die Zahl und Resonanz der Besucher? Wen wollen wir mit unserem Festival überhaupt erreichen? Wofür und für wen geben wir und die Sponsoren so viel Geld aus? Sind es die jungen Intellektuellen aus Stuttgart oder ist es der Querschnitt der Esslinger Bevölkerung über alle sozialen Milieus? Diese Fragen müssen wir uns im Vorfeld des nächsten Festivals stellen, heißt es nun "Stadt im Fluss" oder "Stadt der Männer" oder "Stadt der Kultur".

Leider fehlen uns objektive empirische Daten zu den Besucherzahlen und Besucherströmen sowie zur Besucherstruktur und Besucherresonanz, um schon in der Nachbetrachtung in eine genauere Analyse eintreten zu können. Wir stellen fest und bedauern, dass der der Vorlage beigelegte Pressespiegel zwar viele Vorberichte, aber wenig Nachberichte enthält. Und letztendlich interessiert uns, wie die Sponsoren das Festival beurteilen.

So bleibt es bei einer unterschiedlichen Bewertung des Festivals zwischen Ihnen, Herr Stegmayer, und der SPD. Das soll uns nicht hindern, uns bei Ihnen, allen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern des Kulturamtes sowie bei den Partnerinnen des Theaters Rampe zu bedanken. Trotz aller Unterschiedlichkeit in der Bewertung anerkennen wir Ihre Arbeit und Ihr Engagement.

Es gilt das gesprochene Wort.